MBTI . introvertierter Denker

zum MBTI…

Hab ich mittlerweile viel aufgesogen und durchdrungen, ein sehr, sehr schönes Werkzeug um mich besser einschätzen zu können, vor allem um Stärken, Schwächen und Bedürfnisse meines Charaters zu kennen und daraus sinnvolle, zielgerichtete Handlungsanweisungen zu gewinnen und auf der anderen Seite auch sehr gut geeignet, um die mitmenschliche Umwelt besser einschätzen und ’sortieren‘ ( häßlicher Begriff in dem Kontext, dient nur der Verständlichung ) zu können.

Eine schöne, kurz gehaltene, dafür übersichtliche Darstellung vor allem was die Zusammensetzung der einzelnen Gruppen in der Gesellschaft angeht und auch zum Andere analysieren gibt hier: https://keirsey.com/

Also als Denker ist man da schon unterrepräsentiert.

Bei den Guardians (das sind übrigens 45% der Bevölkerung, Menschen, die die Bevölkerung stabilisieren) und Idealists hab ich sehr wenig wo ich mich wiederfind, also alles was auf n Großteil Fühlen und Sinne hinausläuft, was halt bedeutet, daß die rationale und intuitive Seite wegfallen – bin ich überhaupt nicht, hab ich auf zwar in mir, manchmal auch nicht zu knapp, aber es dominiert nicht. Bei den Craftern find ich mich teilweise wieder.

Was mir die Beschäftigung aber auch gezeigt hat ist, daß ein Charakter nie was unveränderliches ist, er ist wie Knetmasse, an bestimmten Ecken kann man da ohne Schaden Änderungen vornehmen wenn man das will, seine introvertierte oder extrovertierte Seite mal rauskehren, den Bauchentscheidungen oder dem Kopf mal Raum geben, spontaner oder geordneter zu leben.

Und, es gibt zwei Faktoren, die für Selbstbewertung extrem wichtig sind, die im MBTI nicht vorkommen: Energieverwaltung und die Einstellung zum Leben. Vieles hängt davon ab mit welcher Energieeinteilung und mit welcher Grundstimmung wir die Welt angehen. Aber dafür gibts vermutlich andere Tests, der MBTI kommt da von ner anderen Perspektive.



Meine mehr oder weniger finalen Erkenntnisse zu meiner Person…

n introvertierter Denker bin ich auf alle Fälle, I und T sind gesetzt.

Gefühle als Entscheidungsgrundlage sind zu unbestimmt um als Entscheidungsgrundlage zu dienen, die Welt funktioniert größteils nach festgelegten Regeln, die nur durch Denken zu durchdringen sind und es ist gut diese Regeln zu kennen wenn man „effizient“ im Leben sein will, Bauchentscheidungen sind fein für kleine, alltägliche Abenteuer aber ich würd auf alle Fälle für einen Großteil meiner Entscheidungen immer meinem Verstand vertrauen und eher entscheiden was ich über eine Sache denke als was ich darüber fühle. Und ich kann auch gar nicht anders, das Wissen und die Gedanken sind halt immer da und an, es würde sich für mich auch falsch anfühlen nicht auf meinen Verstand zu vertrauen. Und wenn ich ehrlich bin, hat er mich auch ganz selten im Stich gelassen, bzw sind emotional getriebene Entscheidungen immer von meiner Stimmung abhängig und die kann so oder so sein, die Wahrscheinlichkeit ist höher daß dabei Mist rauskommt, als wenn ich da n rationalen Blick drauf hab.

Die Introvertiertheit ist ebenso völlig klar, mit anderen Menschen komm ich mindestens klar, ich hab ne nette Art, aber Interesse hab ich und meine Zeit verbringen tu ich nur mit Wenigen. Parties sind nicht meins, viel lieber 1:1-Situationen oder in kleinen Runden. Ich komm mit vielen Menschen gut aus, kann mich mit einigen vernünftig unterhalten, mit wenigen action herbeiführen, bei Freundschaften bin ich sehr selektiv und für Tieferes, das was mir halt richtig Spaß macht, benötigt es spezielle, seltene Menschen.

Meine Aufmerksamkeit richtet sich größtenteils nach innen, auch weil mein Kopf oder besser mein Unterbewusstsein mich mehr oder weniger ständig und unaufhaltsam mit teilweise emotional aufgeladenen Gedanken beschallt. Das ist mir an der Ostsee mal so richtig bewusst geworden, und diese Informationen wollen irgendwie bearbeitet, befriedigt werden. Dieses Klarkommen mit dem permanenten Gedankenstrom, der meistens ok, manchmal negativ, ganz selten aber auch richtig hässlich sein kann, das ist wahrscheinlich generell eine der größten und auch schwersten Aufgaben für jeden Introvertierten, das hat auf alle Fälle Potential zur Überforderung. Wenn man aus diesem Gedankenstrom die Emotionen rausbekommt und ihn kanalisieren, konzentrieren kann sind wir die perfekten Schachspieler, analytisch unfehlbar, fähig dazu großartige Dinge in die Welt zu setzen; wenn man das aber nicht schafft bleibt nur die Verarbeitung, die aber manchmal wegen der teilweise heftigen Emotionalität und Kontinuität schlicht und einfach unmöglich ist, und daraus folgend dann Ablenkung und, da wirs nicht so mit Menschen haben, bedeutet das schnell Kompensationshandlungen, Sucht oder emotionale Abhängigkeit von Bezugspersonen, Hilfeschreie nach Außen. Meine Erkenntnisse dazu in den letzten Wochen sind, daß man zum einen den Stil des Gedankenfluß beeinflussen kann, also ob die die Gedanken pessimistisch oder optimistisch sind. Da die Gedanken immer von einem selbst ausgehen benötigt es hierzu eines ordentlichen Selbstwertgefühls und schon wird das positiver. Andererseits hab ich auch gelernt, die Gedanken des Stroms viel besser bewerten zu können, also was davon Müll ist, was einfach nur schöne Träumereien sind und wo die Perlen zu finden sind und vor allem die emotionale Seite der Gedanken losgelöst zu betrachten. Und zusätzlich kommt bei mir grade ein nach außen gerichteter und sehr koordiniert und durchdacht ablaufender Tatendrang dazu, der mir die nötige Ablenkung verschafft. Also ich hab in den letzten Wochen vor allem gelernt mit meiner Introvertiertheit Frieden zu schliessen, mein Bewusstsein damit zu harmonisieren und das beste draus zu machen.

In der J/P-Kategorie bin ich extrem ausgeglichen, mir liegt was an Kontrolle und Ordnung, aber die Spontanität würd ich mir nie nehmen lassen. Bei S/I ist es zwar größtenteils die Intuition aber Sensing ist da auch gut dabei, ich mach schon gern sinnliche Erfahrungen. Also den INTJ würd ich komplett unterschreiben, aber ich hab auch den ISTP, den aktiven Handwerker in mir, diese go-with-the-flow-Attitüde, die Neugierde auf Erfahrung in der realen Welt, das praktische und kreative Denken was in Handlungen umgesetzt werden will, und als Schattenseiten eine manchmal übertriebene Risikofreude, die Ungeduld, der schnelle Interessenverlust wenn mir etwas zu langweilig oder nicht würdig erscheint verfolgt zu werden und auch der unbekümmerte, teilweise naive Blick in die Zukunft. Beiden gemeinsam ist eine gewisse Insensitivität was Zwischenmenschliches angeht.

Also als Fazit: ich schätz mich mal zu 60, 70% als INTJ und der Rest ist ISTP. Das verträgt sich auch recht gut, der intuitive Beurteiler in mir bekommt den action seeker ganz gut eingefangen ohne daß der Spaß am Leben auf der Strecke bleibt.

Hendrik Otremba – Kachelbads Erbe

Nach seinem Erstling „Über uns der Schaum“ das zweite Werk vom jungen Künstler Hendrik Otremba und ich bin etwas enttäuscht, aber das liegt hauptsächlich an meiner Erwartungshaltung aus dem Vorgänger. Im Gegensatz zu seiner poetischen, melancholischen Neo-Noir-Detektivgeschichte ist das hier ein ausgewachsener Roman, dem leider die künstlerische Leichtigkeit und etwas der Tiefgang fehlt. Trotzdem ist es ein gut geschriebener, lesenswerter Roman.

Die Geschichte ist dabei interessant und jederzeit spannend erzählt, Thematik ist des Einfrieren von Menschen in der Hoffnung, daß irgendwann der wissenschaftliche Fortschritt ein Wiederbeleben ermöglicht und die Person später weiterleben kann und als letzter Schritt eventuell sogar Unsterblichkeit stehen kann. Die Motive der Protagonisten im Buch sind unterschiedlich, schwere Krankheit, nicht mehr im Hier leben wollen, Neugierde.

Hauptprotagonist und zentraler Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist Kachelbad, ein Wissenschaftler der solche Einfrierungen durchführt. Wir begleiten ihn bei Begegnungen mit anderen Charakteren, hauptsächlich mit seinen „Kunden“, deren Geschichten in Seitensträngen erzählt werden, es gibt also häufige Perspektivwechsel und das hält die Story stets spannend. Allerdings fühlen sich die letzten 50 Seiten vollkommen deplaziert im Bezug zur Hauptstory an, mir ist das ein zu großer Sprung und der trägt zu meiner Enttäuschung bei.

Sprachlich ist der Roman wesentlich mehr straight forward als „Über uns der Schaum“, es gibt Poesie aber hauptsächlich wird eine Geschichte erzählt. Die Stimmung die sich beim Lesen einstellt ist ebenso geglätter, das düster melancholische weicht einer emotional ausgeglicheneren Resonanz. Durch diese beiden Faktoren verliert der Roman allerdings Tiefe und emotionale Bindung, driftet Richtung Beliebigkeit und zielt auf Lesbarkeit für eine größeres Publikum. Das finde ich auch nicht schlecht und vollkommen elgitim, schliesslich ist es trotzdem ein gutes Buch, aber richtig gefangen genommen hat es mich nicht.

Alles in allem, wenn man einen sauber geschriebenen Roman der sich bisschen Abseits der Norm bewegt, von einem zeitgenössischen jungen Schriftsteller, lesen will kann man hier bedenkenlos zugreifen. Gutes Buch.

Daniel Ketteler – Grauzone

Bin ich zwiegespalten, habs auch nur bis zur Hälfte geschafft, danach war es mir schlicht und einfach zu uninteressant.

Wenn ich den Inhalt und Stil in 2 Worten hart zusammenfassen müsste würde ich sagen, das ist misanthropes Geschwurbel. Ich hab jetzt prinzipiell erstmal nichts dagegen wenn Protagonisten, Antagonisten oder sonstige Personen in Geschichten als feindselige, dumme, arrogante Charaktere gezeichnet werden und das Ganze stilistisch auch auf eine direkte Art rübergebracht wird, eher im Gegenteil. Und gegen Poesie, mäandernde Sätze, Mehrdeutigkeiten, unklare Sprache habe ich auch nichts, darin zeigt sich ja auch die eigentlich Kunst. Aber in dem Fall hier passt es irgendwie einfach nicht, zumal die Story auch undurchsichtig ist, aber wie gesagt, beendet hab ichs nicht.

Also wer sich mal auf was abgefahrenes einlassen will, los gehts, aber letztlich ist das ein Hass-Liebe, ein Entweder-Oder-Buch.

Arthur Schnitzler – Traumnovelle

Nach Stefan Zweigs Schachnovelle hab ich noch dieses kleine Büchlein im Schrank gefunden. Ebenfalls eine Novelle, sogar mit Namen im Titel, ist es zwar thematisch gesehen ein anderes Werk aber von der Form her ebenso wie Zweigs Werk eine etwas längere, abgeschlossene Kurzgeschichte die sich um ein, zwei Themen zentriert.

Waren das bei Zweig die Auswirkung der Isolationshaft und die Ggenüberstellung von 2 charakterlich verschiedenen Schachspielern, ist es bei Schnitzler die Erzählung von einem Ehepaar und einem Ausbruchsversuchs des Mannes aus dieser für ihn langweilig gewordenen Beziehung. Er flüchtet sich dabei innerhalb einer Nacht in mehrere erotisch angehauchte Situation, von harmlos bis hin zu (wie sich später herausstellt) hochgefährlich. Als er wieder nach Hause kommt erzählt ihm seine frau von einem Traum in der sie ihn im Stich gelassen hat und damit ist seine Entscheidung klar: er will das abenteurliche Nachtleben fortsetzen und Frau und Kind sollen sehen wo sie bleiben. Wie das ausgeht verate ich nicht, aber das Ende macht diese Novelle zu einer herausragenden Liebesgeschichte.

Schnitzler hat einen Ruf als psychologischer Schreiber, es dreht sich viel um Gefühle, Ängste, Begierden. In diesem Fall tut das dem Lesefluss und der Spannung keinen Abruch, es sorgt dafür, daß die Figuren in kürzester Zeit auch Tiefe gewinnen.

Absolut lesenswert.

Annie Ernaux – Die Jahre

Beim Aufräumen nach der Geburtstagsfeier bin ich dann auch mal zum Geschenke auspacken gekommen und dieses unscheibare Buch war dabei. Annie wer? Rückentext gelesen, hm, klingt jetzt nur semi-spannend. Ich les erstmal die Schachnovelle und leg das mal auf den Haufen zu den anderen noch zu lesenden. Naja gut, paar Tage später war es dann dran und dieses Buch ist der Hammer, vor Hammett und Otremba mein Buch des Jahres.

Annie Ernaux ist 1940 in der französichen Provinz geboren, später Zeit in Paris verbracht, geheiratet, Kinder, als Lehrerin gearbeitet, absolut unspektakuläres Leben und das Buch ist mehr oder weniger eine Autobiographie. Kein Lebensbericht von einer bekannten Schauspielerin, Schriftstellerin, Sportlerin oder sonst irgendwie bekannten Person, sondern eine Erzählung des Lebenswegs einer Person aus der Mitte der Gesellschaft. (kleine Bemerkung nebenbei: Annie Ernaux ist natürlich schon bekannt und als Schriftstellerin angesehen, vor allem in Frankreich kann man mit dem Namen was anfangen.) Da enstand bei mir beim Lesen eine gewisse Verbundenheit, vieles was sie schreibt kann man nachvollziehen und es könnten abstrakt gesehen auch Gedanken, Erfahrungen aus meinem Umkreis sein.

Inhaltlich schreibt sie viel über ihre Gedanken zum Lauf der Welt, dazu noch Emotionales und sie nimmt den leser dabei immer wieder kurz an die Hand in welchem jahr er sich befindet und was mit ihr zu dem Zeitpunkt los war. Im Großen und Ganzen ist es ein politisches Buch, eine soziologische Analyse der Gesellschaft aus linksintellektueller Sicht, dabei niemals plakativ oder anklagend, aber trotzdem natürlich kritisch mit der Weltentwicklung ins Gericht gehend. Mir kam beim Lesen mehrmals die Parallele zu Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ (auch ein sehr gutes Buch) auf, thematisch gibts da viel Schnittmenge, aber Eribon ist halt Soziologe und deshalb teilweise sehr zäh zu lesen. Ernaux hat einen so schnörkellosen, dabei präzisen, leicht poetischen, aber keinen abgeschwurbelten Schreibstil – es ist eine Pracht.

Thematisch haben mir ihre Berichte über die 90er am besten gefallen, Niedergang der Sozialdemokratie, Technologiesierung, Durchkapitalisierung der Welt. Alles auch meine Themen und eigentlich würd ich alles teilen was sie schreibt. Aber auch ihre Berichte aus den 60ern und 70ern sind schwer interessant, diese Zeiten haben für mich immer so etwas mythisches, Zerstörung von verkrusteten weltkriegsprovozierenden Strukturen durch linke Studenten, durch friedliebende Menschen (fällt mir grad Hunter S. Thompson ein der über die Hippebewegung in den USA geschrieben hat) die den Moment der Geschichte einfach auf ihrer Seite hatte.

Und noch etwas hat das Buch in mir wiedererweckt: das Bedürfnis mit meinen Großeltern zu reden und das Ganze auch irgendwie aufzuzeichnen. Geschichte kann man sich aus Büchern oder Wikipedia zusammenreimen, erleben muss man sie selber und Menschen aus anderen Generationen haben sie erlebt und können darüber berichten. Meine Großeltern sind alle Mitte ’30 geboren und mich interesiert schon wie das damals gewesen ist, mit dem ende des Krieges, mit den Russen, der DDR, der Wiedervereinigung und wie sich die Transition nach der Wende für sie angefühlt hat. Zeitzeugenberichte sind schwer zu ersetzen und Fakt ist, daß sie irgendwann nicht mehr live erfahrbar sind.

Also kurzum, das Buch triggert in mir einiges an den genau richtigen Stellen, inhaltlich top, von Anspruch her ausgezeichnet, sprachlich ganz groß, inspirativ, bzw hinterfragt man sich auch selbst gern mal beim Lesen, es hat keinen Durchhänger, lässt einen emotional bischen kalt aber den Anspruch würde ich an kein Sachbuch anlegen. Ich bin begeistert von diesem Buch.

Peter Handke – Die Angst des Torwarts beim Elfmeter

Peter Handke hat dieses Jahr den Lieraturnobelpreis bekommen und es gab eine Riesenkontroverse wegen seiner Unterstützung oder zumindest Gutheißung der serbischen Verbrechen in den 90ern. Meine Meinung dazu ist relativ klar, wer Mörder wie Karadzic oder Milosevic zumindest ok findet ist für mich als Mensch ein Dummkopf und Idiot. Kein Aber, keine Relativierung. Und jetzt ist natürlich die Frage wie man mit der Literatur von so jemandem umgeht und da denke ich man muss das schon trennen. Auch ein Idiot kann ja gute Werke schaffen.

Ich hab nur ein Buch von Handke in meinem Regal und hab das an der Stelle mal rausgekramt. „Die Angst des Torwart beim Elfmeter“ ist eines der bekannteren Werke von Handke und ich muss sagen, das ist schon ein gutes Stück Literatur. Anstrengend zu lesen, teilweise sehr zäh, da Handke keine Kapitel oder Absätze benutzt, es ist nur Fließtext. Und der Protagonist ist ein Unsympath, es findet keine Identifikation statt. Mir ist auch nicht klar welche Moral die Geschichte vermitteln soll, es läßt einen ratlos zurück. Trotzdem war ich am Ende froh es gelesen zu haben, nicht nur weil ich das Gefühl hatte ein Buch mal „durchgearbeitet“ zu haben, sondern weil Handke es durch die Sprache schafft eine gewisse Intensität und auch Emotionen zu erzeugen. Er zieht einen da schon rein wenn man die ersten 20 Seiten schafft zumindest. Also mit ner Empfehlung würd ich mich schwer tun, aber für Literaturinteressierte ist das auf alle Fälle was.

Ich kenne seine anderen Werke nicht aber wenn ich von dem einen Buch hier urteilen müssten ist der Nobelpreis zumindest nicht unverdient. Dazu kommt, daß Handke über die Jahre einen unglaublichen Output produziert hat und vermutlich im nicht-0815-Literaturbetrieb ein ordentliches Standing hat. Und das das Nobelkomitee gern mal kontroverse Entscheidungen trifft (*Friedensnobelpreis für die EU*) wissen wir ja.

Stefan Zweig – Schachnovelle

Klassiker der deutschsprachigen Literatur und ein relativ unspektakuläres, kurzes, nicht allzu intensives Werk – ich denke mal das hat das Genre der Novelle so an sich.

Inhaltlich werden 2 Thematiken angesprochen: die Auswirkungen von Isolationshaft und die (sportliche) Konfrontation zweier diametraler Charaktere.

Das reisst einen nicht mit, geschweige denn verstört einen, sondern ist einfach eine schön geschriebene Geschichte. Lesenswert.

Hendrik Otremba – Über uns der Schaum

Sehr gutes Buch, neben Dashielle Hammett ist das meine Entdeckung des Jahres. Die beiden liegen zwar um die hundert Jahre auseinander, bedienen aber das gleiche Genre – den Detektivroman. Mit ein bischen Schmunzeln könnte man sagen, das Otremba der poetisch und düster, aber nicht so sehr zum zynischen angehauchte Urenkel von Hammett ist. Das Setting könnte auch unterschiedlicher nicht sein, Hammett mit seinen Szenen in der Großstadt, Otremba läßt seinen Protagonisten durch eine postapokalyptische Welt geistern. Nichtsdestotrotz sind die Hauptdarsteller Detektive die einen Fall zu lösen haben und noch weitere Parallelen sodaß der Vergleich nicht unbedingt hinkt.

Otrembas Sprache ist poetisch, direkt, melancholisch, manchmal brutal (auch wenn das nie an zB einen Richard Morgan ranreicht) und er schafft es viel Information zB hinsichtlich worldbuilding gekonnt zu vermitteln. Teilweise ist es bischen zu verschwurbelt, aber wird nie so abgedreht wie bei Pynchon oder Joyce. Auch storytechnisch kommt er mir zu häufig auf auf die verlorene Liebe des Protagonisten zurück – das nervt auf der einen Seite, arbeitet anderseits aber sehr schön die Verzweiflung und die Sehnsucht heraus. Überhaupt gibt es viel Introspektion, der Hauptcharakter wird wundervoll skizziert.

Storytechnisch ist es eine Mischung aus Detektivroman und roadmovie, da der Protagonist und die Frau die er beschatten soll irgendwann zusammen vor mehreren Verfolgern fliehen müssen, es floss etwas zu viel Blut… Die Flucht geht durch eine verwüstete, verlassene, teilweise verseuchte Landschaft, die Hintergründe der Verwüstung als auch die zeitliche Einordnung fehlt komplett, tut der Atmosphäre aber keinen Abbruch, gedanklich findet man sich schnell zurecht.

Hendrik Otremba ist ein junger deutscher Künstler, Sänger der Postpunker von „Messer“, Maler und jetzt auch Schriftsteller, vielseitig könnte man sagen und gespannt sein was da noch so alles folgt.

Y. N. Harari – Kurze Geschichte der Menschheit

Juhu, mal einen Spiegel-Bestseller gelesen – kommt sehr selten vor – oder besser gesagt angelesen, denn nach 100 Seiten hats mir gereicht.

Der Titel passt auf alle Fälle, Hariri schreibt eine Geschichte der Menschwerdung von den biologischen Anfängen der Menschenvorfahren über die Jäger-und-Sammler-Gesellschaften und die Sesshaftwerdung bis hin zu weis ich nicht, denn ich habs da abgebrochen. Das Ganze ist sehr kurzweilig, nach dem Anhang zu urteilen sehr ordentlich recherchiert, er vermittelt auf alle Fälle viel Wissen und bringt interessante Thesen (z.B. daß der Mensch deshalb so aggressiv gegen sich selbst vorgeht weil er sich am Anfang seiner Entwicklung irgendwo in der Mitte der Nahrungkette befand und durch Biologie und Technologie ganz nach oben gestiegen ist, den Schritt aber nicht „verkraftet“ hat).

Was mich aber massiv stört ist, daß er spekuliert, bzw. durch die Thematik zum Spekulieren gezwungen ist, daß aber nicht kenntlich macht. Wenn man das Buch ohne Reflektion hinnimmt würde man den Inhalt für die Wahrheit halten, es ist aber nur eine von vielen Möglichkeiten und halt seine Meinung die aus seinem heutigen weltbild herührt. Er glorifiziert zum Beispiel die Jäger-und-Sammler-Gesellschaft (kann man ja machen, freies, selbstbestimmtes Leben in kleinen Gruppen in der Natur fänd ich jetzt auch nicht das schlechteste) gegenüber den sesshaft gewordenen Gruppen mit teils hanebüchenen Argumenten bzw. unter Ausblendung der Vor- und Nachteile der jeweiligen Gesellschaften und da wirds mir schon n bischen zu bunt.

Abgesehen davon, daß ich seinen Stil nicht gut finde (kommt mir sehr arrogant und teilweise erzieherisch vor), passt der Mix einfach nicht, die Wissenschaft hinter der Evolution schreibt er schön locker flockig runter und ich kauf ihm auch sehr viel davon ab. Aber eigentlich ist das Buch wie der Titel andeutet eine Geschichte und Geschichten haben immer etwas fiktives. Und wenn ich eine Geschichte lesen will dann greif ich zu nem Märchenbuch oder nem Roman und da weis ich, daß ich mich in einem Erzählraum befinde. Dem Buch hier fehlt dieser Aufdruck, deswegen geb ich mal eine eingeschränkte Empfehlung, mit Filter zu lesen, dann bekommt man solides, kurzweilige Wissensvermittlung.

Hans Leister – Der Tunnel

Unterdurchschnittliches Buch, an der Schwelle zu schlecht – sorry.

Hans Leister ist von der Ausbildung her – wie ich – Wirtschaftsingenieur und war lange bei der Bahn als Zugführer beschäftigt. Der Tunnel ist sein Erstlingswerk und falls er das will kann er sogar eine Fortsetzung schreiben, das (ums höflich auszudrücken) bizarre Ende läßt das befürchten. Aber der Reihe nach.

Um die Story kurz anzureißen: Ein Zug mit 300 Leuten an Bord fährt in den Gotthardtunnel und mittendrin ist plötzlich Strom und Kommunikation weg. Später in der Story treffen die Zuginsassen noch auf Soldaten die ebenfalls im Tunnel eingesperrt sind weil draußen… ists düster. Und der Rest dreht sich dann um die Lösung des Rätsels. Oder nicht? Ich will nicht zuviel spoilern. Auf alle Fälle ist die Story interessant und auch gut geschrieben, Leister schafft es daß man dran bleibt und wissen will wies weitergeht. So, daß war das Gute an dem Buch.

Negativ, um nur 3 Sachen zu nennen sind seine Charakterentwicklungen, sein Stil und das Ende des Buches.

Das Buch ist aus mehreren Perspektiven geschrieben, was eigentlich ganz nett ist, aber Leister lässt sich viel zu wenig Zeit seinen Charaktern Eigenleben zu verpassen, die sind einfach nur blutleer und sie sind auch allesamt langweilig. Ich will keinen unfairen Vergleich machen aber wenn man das z.B. mit Jennifer Egan´s „A visit from the goon squad“ nebeneinander stellt ist da eine schriftstellerische Welt dazwischen. Aber gut, langweilige Charaktere gibts in vielen Büchern, muss ja trotzdem nicht schlecht sein.

Der Stil des Buches ist naiv und trocken, sehr trocken, so trocken wie Steine in der Atacama. Es ist teilweise eine Qual und wenn die Story nicht so interessant wäre hät ich es nach 20 Seiten weggelegt. An einer Stelle 50 Seiten vor Schluss hät ichs dann trotzdem fast getan, auch wenn die Story da so ziemlich auf dem Höhepunkt und die Spannung am größten war. Es gibt da einen Charakter der sich Sorgen um seine Familie macht die in einem Ort lebt der Brokoli oder so heißt (Gottseidank hab ich das mittlerweile aus dem Kopf) und in jedem seiner verdammten inneren Monologe dreht sich jeder zweite Satz um diesen gottverdammten Ort – was ein Riesensch… Unglaublich frustrierend. Für wie vergesslich hält mich der Autor? Denkt der ich bin blöd? Will er damit Dringlichkeit andeuten? Etwa Spannung erzeugen? Ich weis es nicht. Also für den Stil 2 von 10, höchstens. Kinderbücher oder von Kindern geschriebene Bücher könnten da noch drunter aber nur vielleicht.

Am problematischsten ist aber das Ende, bzw. die letzten 40 Seiten, da vergeigt er die ganze schöne Story… Das Ende ist, und das hab ich so noch nie gelesen oder in nem Film gesehen, halboffen. Kann ich jetzt schlecht erklären, da ich nicht spoilern will, aber es ist halt weder offen noch abgeschlossen. Und das funktioniert nicht, meiner Meinung nach. Entweder du lässt es offen, was die wenigsten machen, da es vor allem bei Gruselszenarios die Leser/Zuschauer eventuell verstört zurücklässt (mein absolutes Lieblings-Offenende ist die Kurzgeschichte „Der Nebel“ von Stephen King) oder du schliesst die Story ab um, naja deine Geschichte halt zu Ende zu erzählen (meine absolutes Lieblings-Geschlossenende ist die Verfilmung von „Der Nebel“. Wenn ihr euch das mal geben wollt dann folgendermaßen: Erst das Buch lesen, verstört sein, dann den Film schauen (eigentlich kann man den bis 10 Minuten vor Schluss vorspulen, ist halt nur n Standard-B-Movie mit Splatterkram) und dann bleibt euch aber mal richtig die Kinnlade unten – versprochen.). Ach, jetzt bin ich zu so was schönem abgedriftet und muss wieder zurück in den Tunnel. Also das Ende ist jedenfalls ganz großer Mist.

Ok, auf der Habenseite ist nicht viel, schwer interessante Story, interessante Erzählperspektiven und ja, das wars. Und halt n Haufen negatives. Also unterdurchschnittlich.

Ach weisste was?, ich spoiler jetzt die Story, da ich das Buch eigentlich nicht empfehlen will. Wers dennoch machen will sollte jetzt aufhören zu lesen, ciao.

Also ums kurz zu machen, in Tunnel geht wie gesagt das Licht aus, ein Nebenschacht des Tunnels führt in einen Versorgungsbunker der Schweizer Armee. Es kommt dann zu einem friedlichen Zusammentreffen der beiden Gruppen und die Soldaten erkunden draussen, finden aber nur Düsternis und Staub vor. Spätere Erkundungen zeigen eine total verwüstete Landschaft, viele Tote, wenig Überlebende. In Zug befindet sich eine Schulklasse die als die hellsten Köpfe im Buch dargestellt werden, deren Klassenlehrerin sich zur Führungsperson entwickelt, während sowohl die Zugführer wie auch die Soldaten mit 2 Ausnahmen als wenig handlungsfähige, nette Trottel dargestellt werden, von den Zugpassagieren mal ganz zu schweigen, wie gesagt die Charakterentwicklung ist total mies. (Der Hauptmann der Soldaten ist auch der mit den Sorgen um Brokoli. Mein Gott.) Naja, jedenfalls kommt eine Schülerin nach ein, zwei Wochen totaler Ratlosigkeit auf allen Seiten auf die Idee, das könnte ja ein Kometeneinschlag oder Supervulkanausbruch gewesen sein. Der Hauptmann der Soldaten denkt die ganze Zeit es ist Krieg, obwohl keine Radioaktivität messbar ist, jegliche Kommunikation zusammengebrochen ist und der Himmel ne Woche lang dunkel ist. Keiner der 300 Zugpassagiere oder 100 Soldaten kommt eher auf die Idee mit dem Einschlag. Absolut unglaubwürdig.

Das Ganze endet dann sehr unvermittelt weil der Tunnel von irgendwelchen marodierenden Typen mit Waffen angegriffen wird, wobei einer der sympatischen Soldaten ums Leben kommt. Ob der Angriff Erfolg hat, wies weitergeht ist offen, die Story endet nämlich an dieser Stelle… Das wär an sich kein schlechtes Ende, da Leister vorher so n bischen beschreibt wie sich die Leute auf n paar Jahre Finsternis und Leben im Bunker vorbereiten. Wie gesagt, das Szenario ist nicht schlecht, so (Post-)Apokalypse. Spannend auf alle Fälle.

Aaaaaber, es geht ja noch 40 Seiten weiter. Und zwar mit einem Sprung „viele tausend Jahre später“ wo sich auf dem afrikanischen Kontinent eine neue Zivilisation gegründet hat die zum Zeitpunkt der Erzählung etwa den technischen Stand vom ausgehenden 19. Jahrhundert hat und in der Schwarze über Weiße herrschen (ob das n interessanter Twist oder nur plumpe Effekthascherei ist? Weiß nicht, ich finds auf alle Fälle unnötig, aber das sind die letzten Seiten so oder so.) Naja, jedenfalls tischt er uns da ne nichtmal halbgare, hanebüchene Detektivkurzgeschichte auf, an deren Ende klar wird, daß sich inmitten von „Uropa“ Barbarenstämme auf eine Tunnelzivilisation von vor ewig langer Zeit berufen. *facepalm* Keine Erklärung was passiert ist, nur mystisches Geschwurbel über eine Mutterfigur (die, wie sollte es auch anders sein, die Klassenlehrerin ist) und Stämme die von einzelnen Schülern abstammen und die weise Intelligenzbolzin die als erstes den Geistesblitz mit der Dino-Ende-Analogie hatte. Selten so was an den Haaren herbeigezogenes, naives Zeug gelesen.

Also wenn ihr bis hierher gelesen habt, wisst ihr was ihr zu tun habt: Geht zum Buchhändler eures Vertrauens, kauft euch „Im Morgengrauen“ von Stephen King, lest darin „Der Nebel“, besorgt euch parallel die DVD, zieht euch das Ende rein und seid fasziniert, schockiert und begeistert, daß eine Geschichte euch so anfassen kann.