Philipp Winkler – Creep

Philipp Winkler schreibt gute Bücher, ich mag sie. Gar nicht wegen der literarischen Qualität, die ist höchstens durchschnittlich, sondern wegen seiner Charaktere, die sich am extremen Rand der Gesellschaft befinden, eigentlich fast zu obskur um wahr zu sein, aber insgeheim denkt man ständig: ja, warum nicht, glaubwürdig sind diese Außenseiter wahrscheinlich.

In „Creep“ geht es um 2 Personen, die sich in den Tiefen des Internet, in den Abgründen, verloren haben. Eine Mitarbeiterin eines Tech-Unternehmens, die sich in die Parallelwelt einer von ihr – über die Überwachungskameras der Firma bei der sie arbeitet – beobachteten Familie flüchtet und ein extremer Charakter in Japan (Hikikomori), der sich nur aus seinem zimmer bewegt, um wehrlosen Opfern im Schlaf Gewalt zuzufügen.

Was Winkler, auch schon in seinem Debüt „Hool“, richtig gut macht, ist, die Welt dieser Außenseiter greifbar, erlebbar, verständnisvoller zu machen – obwohl ihre Taten gesellschaftlich unakzeptiert und moralisch höchstgradig verwerflich sind – und eine Art Mitgefühl und Verständnis für die Person an sich, für den Menschen zu entwickeln. Die Sprache und der Kontext sind halt krass, das ist definitiv keine Wohlfühl-Literatur.

Aber das muss sie auch nicht sein, bei Literatur und Kunst generell geht es um andere Kriterien und ich mag Winklers Blick auf die Außenseiter, auf die dunkleren Seiten der Gesellschaft.

Guido Morselli – Dissipatio humani generis

Guido Morselli schreibt die Geschichte eines Solipsisten. Falls jemand jemals ein Buch sucht, was diese philosophische Extremposition in natura beschreibt, das hier ist es.

Die Story ist schnell beschrieben: Der Protagonist will seinem Leben ein Ende setzen, etwas geht schief und er stellt fest, daß die gesamte Menschheit (oder zumindest alle Menschen in seiner Umgebung) verschwunden ist und er der einzige Mensch ist, der noch über die Erde wandelt. Der Rest ist Introspektion, die ist größtenteils interessant ist und sehr dicht, aber es ist auch gut, daß Morselli es nicht zu sehr in die Länge zieht. Melancholie ist die vorherrschende Stimmung, die Morselli exzellent vermitteln kann. Die intellektuellen Exkurse, die der Protagonist in seiner Einsamkeit geht, finde ich ebenso exzellent – das Buch hat auf alle Fälle, was den intellektuellen Anspruch angeht, eine sehr hohe Dichte.

Und eben diese Mischung aus krassem Existentialismus, ruhiger, melancholischer Grundstimmung, die aber nie ins wirre, panikartige abdriftet, (Gesellschaftskritik ist übrigens auch noch ordentlich dabei) und dem storytechnisch gesehen abgefahrenen Setting .. hat mich festgehalten. Ist ein gutes Buch, sehr speziell auf alle Fälle, ich finds gut.

James Joyce – Ulysses (Buchbesprechung zu zweit)

Jup, richtig gelesen. Einer der besten, kompliziertesten Romane aller Zeiten. Es gibt viel zu reden. Wir versuchen jede Woche ein Kapitel zu lesen und zu besprechen, hui..

Die Kapitelüberschriften bzw. Symboliken, Erzählstile etc., die wir hin und wieder erwähnen, sind entnommen aus dem Gilbert-Schema, einer Lesehilfe von Joyce für einen Freund.

Teil 1 – Kapitel 1 – 3 (Telemachos, Nestor, Proteus)

Teil 2 – Kapitel 4 (Kalypso)

Teil 3 – Kapitel 5 & 6 (Lotophagen & Hades)

Teil 4 – Kapitel 7 & 8 (Aiolos & Laistrygonen)

Robinson Crusoe (Buchbesprechung zu zweit)

Heute mal was zum Einschlafen. Ist auch wirklich nur dafür zu gebrauchen. Storytechnisch und sprachlich absolut nicht der Rede wert. Trotzdem ist das Buch natürlich wegen des abgefahrenen, wenn auch simplen, Setting ein Klassiker der Weltliteratur. Wir haben nach der Hälfte aus Langeweile abgebrochen..

Hans Woller – Gerd Müller

Hm, eine Fussballer-Biographie. Damit habe ich schlechte (Andrea Pirlo) und ganz unterhaltsame (Lutz Pfannenstiel) Erfahrungen gemacht. Das Buch hier lag bei meinem Opa und nach dem ersten Reinlesen war klar: ok, les ich mal durch. Und ich wurde nicht enttäuscht. Woller hat eine sehr angenehme, flüssige Sprache und transportiert interessanten Inhalt. Episodenhaft erzählt er den Werdegang von einem der unterschäztesten Fussballer aller Zeiten. Pele, Beckenbauer, Beckham etc. kennt jeder, das sind große Namen aber mit Gerd Müller können wenige etwas anfangen, obwohl er (wahrschenlich für immer unerreichbar) mit 365 Toren Rekordtorschütze der Bundesliga ist, er hat so ziemlich in jedem seiner Spiele getroffen. In der Nationalmannschaft hat er mehr Tore geschossen als er Spiele gemacht hat. Solche Quoten kann heutzutage kein deutscher Spieler oder Spieler in der Bundesliga aufweisen. Das Buch erzählt autobiographisch seinen Werdegang, seine verschiedenen Mitspieler, Trainer, seine Stationen nach der aktiven Zeit, auch privates kommt nicht zu kurz. Die Erzählung bleibt dabei immer sehr nah an der Person und versucht Motive, Absichten und auch Probleme zu beleuchten; ich würde sagen es gibt einen realtiv intimen Einblick und man kann vieles nachvollziehen.

Eine weitere und eigentlich noch interessantere Erzählung liefert das Buch im Hinblick auf die „Kommerzialisierung“ des Fussballs von der heute immer wieder die Rede ist. Woller beschreibt hervorragend wie dieser Prozess Mitte der 70er seinen Anfang nahm. Er macht das hauptsächlich am Beispiel des FC Bayern München fest, bei dem Müller einen Großteil seiner Karriere verbracht hat, geht aber auch auf die Begleitumstände ein. Er beleuchtet hierbei die Verflechtungen zwischen Politik und Vereinen, einfach gesagt kann man das mit ‚Popularität für Gefälligkeit‘ zusammenfassen, die Ablösung alter Hierarchien innerhalb der Vereine, das Aufkommen eines neuen Spielertyps (viel selbstbewusster, zielgerichteter aber auch egoistischer) und die wachsende Popularität des Fussballs innerhalb der Gesellschaft. Alles in allem liest sich das sehr spannend und ich denke, daß das Geschriebene sich sehr nah an der Realität halten dürfte. Aber Woller schreibt selbst, daß die Recherche teilweise nicht ganz einfach war, da über einige Sachen besser Stillschweigen bewahrt wird und manche Personen auffällig schweigsam werden wenn es um Themen wie Steuererleichterungen für Vereine etc geht.

Kurzweilige Leseunterhaltung bei der man einiges über die Hintergründe der strukturellen Umbrüche im Profifussball lernen kann und eigentlich nur nebenbei eine Autobiographie von einem Ausnahmefussballer mit einer interessanten Lebensgeschichte. Lesenwert.

Mary Shelley – Frankenstein (Hörbuch)

Vor knapp 3 Monaten wurde ich angesprochen ob ich nicht mal ein Hörbuch machen will. Es hat dann doch etwas gedauert, aber voilá, los gehts.

Teil 1 – Einleitung, Leben von Mary Shelley

Teil 2 – Walton, Erzählstil, Stimmung

Teil 3 – Frankensteins Jugend und wie und warum das Ganze hier 🙂

Teil 4 – Erschaffung der Kreatur, zentrales Motiv wird erklärt

Teil 5 – Nach der Schöpfung, Tod seines Bruders

Teil 6 – Begegnung Frankensteins mit seinem Geschöpf, Geschichte der Kreatur


Teil 7 – Poesie, zweite Begungung

Teil 8 – Abschluß von Frankensteins Erzählung

Teil 9 – Abschluss der Geschichte, Nachbetrachtungen

Teil 10 – Nachbesprechung mit Gästen

Benjamin Maack – Wenn das noch geht kann es so schlimm nicht sein

Harter Stoff, würde ich nicht empfehlen zu lesen. Außer man möchte sich mal ungefähr ein Bild davon machen was es heißt mit einer Depression zu leben. Insofern ist es auch ein wichtiges Buch, bzw. würde ich sogar sagen, daß es für Menschen die diese Krankheit haben sogar ein lebensrettendes Buch sein kann.

Die Krankheit Depression oder ihre Abwandlungen wie bipolare Störung fristen in der Aufmerksamkeit der allgemeinen Bevölkerung ein Nischendasein, da wird dann gern zu Platzhaltern wie „Reiß dich mal zusammen.“ oder „Komm schon, so schlimm ist es nun auch nicht.“ gegriffen. Für mich selbst würde ich zumindest in Anspruch nehmen jahrelang mit einer milden Form dieser Krankheit gelebt zu haben und ich kann nur jedem empfehlen, der so etwas in sich spürt, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, es nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, seinen Stolz und die Vorurteile zu überwinden. Psychische Krankheiten sind keine Hirngespinste sondern real, mindern die Lebensfreude (auch die von Angehörigen und Freunden) und sind potentiell lebensgefährlich. Und Durchhalteparolen, schöne-Welt-Lebensratgeber sind nicht die Lösung, sie können höchstens unterstützen.

Benjamin Maack hat das alles durch, das komplette Programm, Suizidgedanken, kein Glücksempfinden, Klinikaufenthalte etc. Und er beschreibt es in diesem Buch schonungslos, tagebuchartig, seine alltäglichen Eindrücke und Gedanken, seinen ständigen Kampf gegen sich selbst, geprägt von kurzen Glücksmomenten und ständigen Rückfällen. Die Lektüre ist schwer zu ertragen, ich habe auch viele Seiten übersprungen. Genauer gesagt habe ich nach 2, 3 Seiten zum Ende vorgeblättert. Denn erst dort beschreibt er, wie er den Kampf gewinnt und ein positives Lebensgefühl entwickelt. Ob das anhält, darüber ist er sich selbst nicht sicher. Er klingt zuversichtlich, ob es alles so seine Richtigkeit hat ist eine Frage mit dem er den Leser zurücklässt.

Hendrik Otremba – Kachelbads Erbe

Nach seinem Erstling „Über uns der Schaum“ das zweite Werk vom jungen Künstler Hendrik Otremba und ich bin etwas enttäuscht, aber das liegt hauptsächlich an meiner Erwartungshaltung aus dem Vorgänger. Im Gegensatz zu seiner poetischen, melancholischen Neo-Noir-Detektivgeschichte ist das hier ein ausgewachsener Roman, dem leider die künstlerische Leichtigkeit und etwas der Tiefgang fehlt. Trotzdem ist es ein gut geschriebener, lesenswerter Roman.

Die Geschichte ist dabei interessant und jederzeit spannend erzählt, Thematik ist des Einfrieren von Menschen in der Hoffnung, daß irgendwann der wissenschaftliche Fortschritt ein Wiederbeleben ermöglicht und die Person später weiterleben kann und als letzter Schritt eventuell sogar Unsterblichkeit stehen kann. Die Motive der Protagonisten im Buch sind unterschiedlich, schwere Krankheit, nicht mehr im Hier leben wollen, Neugierde.

Hauptprotagonist und zentraler Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist Kachelbad, ein Wissenschaftler der solche Einfrierungen durchführt. Wir begleiten ihn bei Begegnungen mit anderen Charakteren, hauptsächlich mit seinen „Kunden“, deren Geschichten in Seitensträngen erzählt werden, es gibt also häufige Perspektivwechsel und das hält die Story stets spannend. Allerdings fühlen sich die letzten 50 Seiten vollkommen deplaziert im Bezug zur Hauptstory an, mir ist das ein zu großer Sprung und der trägt zu meiner Enttäuschung bei.

Sprachlich ist der Roman wesentlich mehr straight forward als „Über uns der Schaum“, es gibt Poesie aber hauptsächlich wird eine Geschichte erzählt. Die Stimmung die sich beim Lesen einstellt ist ebenso geglätter, das düster melancholische weicht einer emotional ausgeglicheneren Resonanz. Durch diese beiden Faktoren verliert der Roman allerdings Tiefe und emotionale Bindung, driftet Richtung Beliebigkeit und zielt auf Lesbarkeit für eine größeres Publikum. Das finde ich auch nicht schlecht und vollkommen elgitim, schliesslich ist es trotzdem ein gutes Buch, aber richtig gefangen genommen hat es mich nicht.

Alles in allem, wenn man einen sauber geschriebenen Roman der sich bisschen Abseits der Norm bewegt, von einem zeitgenössischen jungen Schriftsteller, lesen will kann man hier bedenkenlos zugreifen. Gutes Buch.

Daniel Ketteler – Grauzone

Bin ich zwiegespalten, habs auch nur bis zur Hälfte geschafft, danach war es mir schlicht und einfach zu uninteressant.

Wenn ich den Inhalt und Stil in 2 Worten hart zusammenfassen müsste würde ich sagen, das ist misanthropes Geschwurbel. Ich hab jetzt prinzipiell erstmal nichts dagegen wenn Protagonisten, Antagonisten oder sonstige Personen in Geschichten als feindselige, dumme, arrogante Charaktere gezeichnet werden und das Ganze stilistisch auch auf eine direkte Art rübergebracht wird, eher im Gegenteil. Und gegen Poesie, mäandernde Sätze, Mehrdeutigkeiten, unklare Sprache habe ich auch nichts, darin zeigt sich ja auch die eigentlich Kunst. Aber in dem Fall hier passt es irgendwie einfach nicht, zumal die Story auch undurchsichtig ist, aber wie gesagt, beendet hab ichs nicht.

Also wer sich mal auf was abgefahrenes einlassen will, los gehts, aber letztlich ist das ein Hass-Liebe, ein Entweder-Oder-Buch.